Alle sind Mittelschicht

Zeitreise-Bericht der Klasse 10b am Gymnasium „J. G. Herder“ Merseburg vom 6. bis 7. Juli 2021

Deutschland im Jahr 2040:

Es ist jetzt mein dritter Tag hier im Jahre 2040. Meine neue Familie, die mich aufgenommen hat, hat drei Kinder und nur die Mutter arbeitet. Trotzdem geht es uns sehr gut und wir können ein zufriedenes Leben führen. Für genügend Essen und all die anderen nötigen alltäglichen Dinge ist gesorgt.

Morgens fährt mich der Vater der Familie mit seinem schwebenden Auto zu einem Park, den es hier in der modernen Stadt mit vielen Pflanzen gibt. Auf dem Weg zum Park durch die Innenstadt sieht man weit und breit nirgendwo Leute, die betteln müssen, keine heruntergekommenen Stadtteile, Ghettos gar, und außerdem gibt es keine Aufstände, radikale Demonstrationen oder Terrorismus in den letzten Jahren. Das hat mir zumindest der Mann gesagt.

Als ich gerade aus dem Auto ausgestiegen bin und zum Park gehen will, sehe ich einen Jungen, der von einem Krankenwagen in ein nahegelegenes, hochmodernes Krankenhaus gebracht wird. Im Park wird mir gesagt, dass es hier für jeden die beste, gleiche Behandlung gebe. Dies gelte nicht nur für das Gesundheitswesen, sondern auch für die Schule, für Kitas und Universitäten.

Im Park diskutieren viele Leute angeregt, höflich, friedlich und offen miteinander über die verschiedensten Themen. Dabei bekomme ich mit, dass es anscheinend auch eine Schattenseite zu diesen ganzen utopischen Annehmlichkeiten gibt.

Einige Leute in dem Park meinen, dass es horrend hohe Steuern gebe, besonders für die reicheren Leute, obwohl diese sich doch ihr Geld durch eigene innovative Ideen verdient hätten. Dadurch würde der Ansporn für die Leute, sich weiter moderne Neuerungen auszudenken, stark reduziert werden.

Alle Menschen hier scheinen ungefähr gleich viel zu haben und sich ein angenehmes Leben leisten zu können. Abschließend fällt mir noch auf, dass die Menschen ihre politische Einstellung offen preisgeben und fast alle sich Parteien im politischen Zentrum zuordnen. Es gibt nur wenige radikale Parteien, die überhaupt Stimmen bekommen. Allgemein ist die Wahlbeteiligung allerdings auch nicht sehr hoch.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: In der Schule

 Handelnde Personen:  

  • Frau Fröhler – Mutter  
  • Jeremias – Kind  
  • Herr Hartkas – Schuldirektor  
  • Tony, Benjamin – Schüler  

Frau Fröhler klopft an die Bürotür von Herrn Hartkas, dem Schuldirektor, an und tritt mit ihrem Sohn Jeremias ein.

Frau Fröhler: Guten Tag, ich habe da ein kleines Anliegen. Sie wissen ja vielleicht, dass ich in der Technologiebranche recht bekannt bin. Ich hab in meinem Unternehmen neuartige Tafeln entwickeln lassen. (preist sie wie in einem Werbevideo an) Interaktiv, neu, sie können einfach mehr!

Herr Hartkas: Das ist natürlich toll. (zieht eine Augenbraue hoch)

Frau Fröhler (schmeichelnd): Die Sache ist die. Mein Sohn ist ja nicht der Beste in der Schule.

Jeremias lässt den Kopf hängen.

Frau Fröhler: Wenn ich Ihnen solch eine Tafel kostenlos zur Verfügung stelle, zum Testen quasi, könnten Sie ihn dann vielleicht durch die kommenden Prüfungen bringen?

Herr Hartkas: Nein, das geht natürlich gar nicht. Moralisch ist das ein unmögliches Angebot. Wir müssen die Schüler unabhängig vom sozialen Status ihrer Familien bewerten.

Frau Fröhler: Und wenn ich Ihnen 16 Tafeln gebe?

Herr Hartkas: Nein, völlig unmöglich. Alleine schon, weil wir über 20 Klassen haben. Und Chancengleichheit wird bei uns großgeschrieben.

Frau Fröhler: Da wird sich doch irgendwas machen lassen…? (wedelt mit ihrem Portemonnaie herum) 20 Tafeln? Eine Spende anderer Art?

Herr Hartkas (schüttelt entschieden den Kopf): Die Schule wird vom Staat finanziert. Insofern sind wir finanziell völlig unabhängig. Wenn Ihr Sohn Probleme beim Lernen hat, lassen Sie doch einen Nachhilferoboter entwickeln.

Frau Fröhler: Es lässt sich also nichts machen?

Herr Hartkas: Nein.

Frau Fröhler: Schade, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.

Frau Fröhler verlässt mit ihrem Sohn das Büro und Herr Hartkas schaut ihnen kopfschüttelnd hinterher.


2. Akt: Im Park

 Handelnde Personen:  

  • Friederike  
  • Tony  
  • Benjamin  
  • Jeremias  
  • Nikolai  

Friederike, Tony und Benjamin treffen sich im Park. Tony und Benjamin setzen sich zu Friederike auf eine Picknickdecke.

Tony: Hi, na wie gehts?

Friederike: Danke, alles super. Was für ein schöner Tag! Sag mal, Benjamin, hast du nicht neulich erzählt, du wolltest dir was Neues bestellen?

Benjamin: Ja, gestern habe ich es endlich gekauft. Das wird mit DHL geliefert. Da gibt es ja jetzt diese Drohnen, die kann man auch tracken. Soll ich mal schauen, wo sie gerade ist?

Friederike: Ja, mach das, wie spannend!

Benjamin: Okay, mal sehen. (schaltet ein Hologramm ein) Ja, ist auf dem Weg zu mir, kommt in einer Stunde an.

Tony: Guckt mal, da kommen Jeremias und Nikolai auf ihrem fliegenden Fahrrad! Wo habt ihr denn das her?

Jeremias und Nikolai steigen vom Fahrrad ab.

Jeremias (stolz): Das haben wir uns beim Fahrradladen in der Innenstadt gekauft. Das ist das neueste Modell! Mit Düsenantrieb!

Tony: War bestimmt ganz schön teuer!

Nikolai: Naja, wir können es uns leisten. Sagt mal, wart ihr gestern wählen?

Tony: Ja, war ich. Tatsächlich das erste Mal.

Jeremias: Also ich nicht. Ich bin ja zufrieden damit, wie es ist.

Tony: Ja naja, ich habe die CDU gewählt, aber es wird sich ja eh nichts ändern. Es ist ja auch gut so, wie es ist.

Jeremias: Also Wählen ist doch eh von gestern. Ich habe auf meinem Handy die neue Hologramm-App, mit der man Volksabstimmungen machen kann. So kann ich viel direkter Einfluss auf die Politik nehmen.

Friederike: Wow, die musst du mir mal zeigen.

Jeremias: Na klar, komm her.

Jeremias zeigt Friederike seine neue App und die anderen Freunde gehen ein Eis essen.


3. Akt: Auf dem Weg zum Fußballstadion

 Handelnde Personen:  

  • Friederike  
  • Tony  
  • Benjamin  
  • Jeremias  
  • Nikolai  

Auf dem Weg zum Fußballstadion: Deutschland spielt. Man schwelgt in Erinnerungen.

Tony: Wisst ihr noch damals, 2014, das Sommermärchen? Als Deutschland gewonnen hat? Gegen Spanien?

Benjamin (träumerisch): Das war richtig cool.

Friederike: Wäre super, wenn wir endlich mal wieder gewinnen würden.

Nikolai: Bin schon ganz gespannt.

Friederike: Aber damals war ja nicht nur der Fußball anders. Es sah ja auch einfach ganz anders aus auf den Straßen.

Tony: Ja richtig, es war alles ganz dreckig. Viele Obdachlose, die Flaschen gesammelt haben. Müll lag herum…

Benjamin: Das gibt es jetzt gar nicht mehr. Warum eigentlich?

Nikolai: Naja, es gibt halt kaum noch wirklich arme Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich wurde endlich geschlossen, wir haben jetzt ja quasi nur noch eine große Mittelschicht.

Tony: Ach so, stimmt. Na egal, jetzt will ich nicht an so etwas denken. Auf zum Stadion!

Alle (grölen): Fußbaaaaall! Deutschlaaaaaand!

Sie reihen sich in die Menschenmassen ein, die zum Stadion strömen.