Die neue Zeitrechnung

Zeitreise-Bericht der Klasse 10d des Gottfried-Herder-Gymnasiums Merseburg vom 16. bis 17. Mai 2022

Deutschland im Jahr 2045

Im Jahr 2024 kam es zu einer Eskalation des Ukraine-Krieges, bei welchem schließlich Atom- und Biowaffen eingesetzt wurden. Dadurch starben in Osteuropa über 180 Millionen Menschen und die Region verwandelte sich in unbewohnbares Gebiet. Weltweit gab es noch einmal bis zu 60 Millionen Todesopfer aufgrund von Hungersnöten in Folge des Wegfalls der Ukraine als eines der größten Getreide-Exporteure.

All dies löste auch in Deutschland eine riesige Panik aus. In den Wirren gründete sich die RPD (Rettungspartei Deutschlands). Da die amtierende Regierungspartei nicht Herr über die Krise war und zudem über zahlreiche Affären stürzte, kam es 2027 zu vorgezogenen Neuwahlen. Bei diesen wurde die RPD mit deutlicher Mehrheit in die Regierung gewählt.

Kernpunkt des Wahlprogramms der RPD war die Autarkie Deutschlands, in der Hoffnung, Deutschland würde sodann quasi als eine unabhängige Bastion der Zivilisation in Mitteleuropa bestehen. Damit verbunden war das Ziel einer Abschottung Deutschlands, um der Globalisierung und ihren Krisen zu entgehen.

Im Zuge der ersten Wirtschaftsreformen der RPD zur Stärkung der Unabhängigkeit des Landes kam es zu massiven Hungersnöten und einer großen Fluchtwelle nach Westeuropa. Als Konsequenz gründete die RPD, welche mittlerweile die gesamte Regierungsarbeit an sich gezogen und den Staat zu einem Einparteiensystem umgebaut hatte, 2031 die AOH (Allgemeine Ordnungshüter). Seither ist es deren Aufgabe, „Volksschädlinge“, wie Flüchtlinge und Regimekritiker genannt werden, auszumerzen und den Überwachungsstaat durchzusetzen. So realisierten die AOH unter anderem die Anbringung von Überwachungskameras auf Straßen, öffentlichen Plätzen und in Gebäuden sowie die Verwanzung von Wohnungen und Kleidung. Außerdem stellen sich die AOH über jegliches Recht. Sie haben die Befugnis wahllos Menschen zu verhaften und zu verhören, ganz ohne oder unter fadenscheinigen Anschuldigungen. So werden Menschen oft schon bei den geringsten Vergehen festgenommen, zum Beispiel weil sie ihren Personalausweis vergessen oder sich im öffentlichen Kontext nicht an die Rechtschreibung von Wörtern gehalten haben.

Nicht selten steckt man die Festgenommenen in Arbeitslager, um die großflächigen Agrargebiete, welche die Staatsmacht kürzlich geschaffen hat, zu bewirtschaften. Dies hat jedoch nicht den von der Regierung gewünschten Erfolg, da die Ackerflächen des Landes durch Strahlungsschäden und den Klimawandel äußert schwer zu bebauen und wenig ertragreich sind. Nicht zuletzt fehlt der deutschen Wirtschaft durch die Abschottungspolitik auch der technologische Fortschritt, ähnlich wie es in Nordkorea der Fall war und ist. Mehr noch gibt es einige Rückschritte. Durch den Krieg oder womöglich durch bewusste Maßnahmen des Staates gibt es kein Internet und, zumindest für die Bürger, auch keine Telekommunikationstechnik mehr.



Eine Szene, die sich im Jahre 2045 zugetragen hat…

Ein zeitreisender Schüler aus dem Jahr 2022 landet in der Zukunft. Er beschließt die örtliche Bibliothek aufzusuchen, um Näheres über die neue Gegenwart zu erfahren.

Vor der Bibliothek hält er kurz inne, weil ihm der klägliche Zustand des Gebäudes auffällt. Der Putz der Fassaden wirkt ausgeblichen und brüchig, die verrosteten Treppengeländer zum Eingang wackeln und die Treppe selbst ist komplett ausgetreten. Offensichtlich wurden hier schon Jahre keine Wartungs- und Modernisierungsarbeiten mehr durchgeführt.

Weiter stellt der Zeitreisende fest, dass sein Handy keinen Empfang hat. Als er sich nach allen Seiten umsieht, beschleicht ihn das Gefühl, von unzähligen Kameraaugen beobachtet zu werden. Auch passiert im selben Moment eine Gruppe Menschen in grauen Uniformen das Gebäude, während die sonstigen Passanten irgendwie ärmlich aussehen.

Hastig betritt der Schüler das Bibliotheksgebäude. Im Lesesaal fragt er den erstbesten Besucher nach dem Datum. Dieser guckt etwas verdutzt und antwortet, dass heute der 25.08.2045 sei. Verunsichert durch den Blick des anderen traut sich der Zeitreisende nicht, weitere Einzelheiten zu der vorgefundenen Zeit und Realität zu erfragen. Er beschließt stattdessen im Buchbestand der Bibliothek nach Informationen zu forschen.

1. Akt: Im Lesesaal

 Handelnde Personen:  

  • Zeitreisender  
  • Bibliothekarin  

Bei seiner Suche nach Antworten in dem schmalen Bücherregal der Abteilung „Geschichte“ fällt dem Zeitreisenden zuerst ein stechend grüner Band mit dem Titel „Das neue Zeitalter“ in die Hände.

Zeitreisender (liest hastig und im Flüsterton): „Vor Tag 0 … von Echsenmenschen erobert und unterjocht.“ – Hä, in welcher Zeit bin hier nun wirklich gelandet? – „Am Tag 0 kam die Erlösung. Bis ins Jahr 2 war die Welt unbewohnbar, außer Deutschland. Im Jahr 3 wurde die RPD gegründet, zum Wohle des Landes…“

Der Zeitreisende macht schnell mit seinem Handy ein Foto des Gelesenen und blättert zur nächsten Seite. Da klopft ihm plötzlich die Bibliothekarin, welche den fremd aussehenden Gast schon die ganze Zeit beäugt hat, von hinten auf die Schulter.

Bibliothekarin: Entschuldigung, junger Mann, was ist das eigentlich für ein Gerät (auf das Handy in der Hand des Zeitreisenden zeigend), das Sie da mit sich rumtragen?

Zeitreisender: Äh, was meinen Sie? Hat nicht jeder ein Handy?

Bibliothekarin (mit einem Stirnrunzeln): Ein was? Ein H-a-n-d-y? Nein, so was sehe ich zum ersten Mal! (plötzlich flüsternd) Los, kommen Sie bitte mal mit!

Der Zeitreisende lässt sich trotz einiger Verunsicherung von der Bibliothekarin in ein ruhiges Hinterzimmer ziehen.


2. Akt: Im Hinterzimmer

 Handelnde Personen:  

  • Zeitreisender  
  • Bibliothekarin  

In der konspirativen Atmosphäre des Hinterzimmers beginnt die Bibliothekarin den Zeitreisenden genauer zu befragen.

Bibliothekarin: Nun, warum hat Sie das, was Sie da gelesen haben, eigentlich so verwundert?

Zeitreisender: Na, ich wusste nichts davon. Ich weiß eigentlich nur, zu meiner Zeit, da war ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine…

Bibliothekarin (hellhörig): Woher wissen Sie von einem solchen Krieg?

Zeitreisender: Wie?

Plötzlich reißt sich die Bibliothekarin die langen Haare (offensichtlich eine Perücke) vom Kopf und spricht mit veränderter, männlicher Stimme.

Bibliothekar: Woher wissen Sie vom Krieg?

Zeitreisender (ungläubig): Wieso sollte ich nicht? Man kann doch nicht innerhalb von 20 Jahren den ganzen Krieg vergessen haben!

Bibliothekar: Das ist interessant! Wo kommen Sie wirklich her? Sie laufen mit diesem (deutet erneut auf das Handy) Relikt der Geschichte rum, haben Klamotten, die schon lange nicht mehr getragen werden, und wundern sich über Dinge, die erst vor einigen Jahren passiert sind. Also, ich bräuchte von Ihnen ein paar Antworten. Keine Sorge, ich drohe Ihnen nicht. Es wird nichts passieren. Ich möchte nur die Wahrheit wissen.

Zeitreisender (mit wachsamem Blick): Warum sollte ich Ihnen vertrauen? Erst tragen Sie eine Perücke, interessieren sich dafür, was ich hier lese, und jetzt sind Sie plötzlich ein anderer und wollen alle Informationen von mir haben.

Bibliothekar: Ja, genau das will ich! Denn ihr Wissen ist sehr sonderbar.

Zeitreisender (allen Mut zusammennehmend): Nein, ich werde Ihnen nichts weiter preisgeben!

Bibliothekar (ruhig, aber bestimmt): Das werden Sie! Nun, warum wundern Sie sich über die Echsenmenschen?

Zeitreisender (zögerlich): Äh, na, weil es keine Echsenmenschen gibt. Das waren seit je bloß Verschwörungstheorien. Wollen Sie mir jetzt etwa weismachen, dass sich hier bei Ihnen irgendwelche Politiker als Echsenmenschen entpuppt haben?

Bibliothekar: Nein, obwohl die RPD derlei verbreitet. Aber woher kommen Sie denn nun, dass Sie von Verschwörungstheorien dieser Art wissen? Nach unserer Zeitrechnung und offiziellen Geschichtsschreibung handelt es sich ja um Ereignisse, die vor dem Jahre 0 passiert sind, also zu einer Zeit, von der niemand Genaueres weiß. Ist in jener Zeit auch dieser große Krieg geschehen?

Zeitreisender (ungehalten): Warum sollte ich Ihnen das sagen?

Bibliothekar (freundlich): Sagen Sie mir bitte einfach, was ich wissen will, und alles wird gut! Sie kommen offensichtlich aus dieser anderen, sagen wir Vorzeit. Vielleicht waren Sie unterdessen eingefroren. Das weiß ich nicht. Nun, bei uns gibt es eine Organisation, die nennt sich die Allgemeinen Ordnungshüter (AOH). Diese sind hier quasi überall. Sie hören alles ab, sie wollen die komplette Kontrolle. Sie sichern die Macht der RPD, der Rettungspartei Deutschlands, welche allein über uns regiert. (nach kurzem Zögern) Ich und einige andere gehören zu einer Rebellion. Wir brauchen Ihre Hilfe, da Sie offensichtlich von woanders herkommen und so sicher als einziger noch nicht von den Herrschenden registriert wurden und wahrscheinlich auch nicht registriert werden können. Deshalb bitte ich Sie nochmals eindringlich, mit mir alle Informationen zu teilen, die Sie besitzen.

Zeitreisender: Gut, ich vertraue Ihnen. Also zu meiner Zeit, im Jahr 2022, hatten wir im Schulunterricht eine Zeitmaschine und ein Schüler durfte freiwillig in die Zukunft reisen. Ich entschied mich gut 20 Jahre weiter in das Jahr 2045 zu reisen, um zu schauen, was sich geändert haben würde. In einer Woche bringt mich die Zeitmaschine wieder zurück.

Bibliothekar: Oh, schon in einer Woche! Aber somit haben Sie hier nichts zu befürchten. Darf ich Sie daher um einen großen Gefallen bitten? Könnten Sie sich bitte bei den AOH einschleusen lassen? (registrierend, dass der Zeitreisende nur halb zuhört und etwas mit seinem Handy probiert) Was machen Sie da?

Zeitreisender: Äh, zu meiner Zeit gab es Internet. Hier gibt es irgendwie gar kein Netz mehr.

Bibliothekar: Ja, ich habe von einigen älteren Leuten von so einem Internetz gehört. Doch das wurde schon vor langer Zeit zerstört. Ihr Handy ist also nutzlos.

Zeitreisender: Oh!

Bibliothekar: Nun, kommen Sie bitte mit nach draußen! Wir schleusen Sie ein.

Zeitreisender: Äh ja, einschleusen?

Bibliothekar: Wie gesagt, Sie wurden noch von keiner Person oder Behörde erkannt. Wenn Sie draußen mit Ihrem Handy hantieren, erregen Sie bestimmt Aufmerksamkeit und werden von Sicherheitsleuten mitgenommen.

Zeitreisender (sichtlich angespannt): Ist das nicht gefährlich?

Bibliothekar: Für Sie nicht. Sicher werden die sich für Ihre Informationen interessieren und so können Sie denen Ihre Dienste anbieten. Wenn die Sie zu einem Mitarbeiter, ja Agenten machen, spielen Sie uns wiederum wichtige Informationen über den Geheimdienstapparat zu. Und schließlich werden Sie ja nach einer Woche von der Zeitmaschine zurückgeholt.

Zeitreisender (seufzend): Wenn die mich nicht bis dahin umbringen!

Bibliothekar: Nein! Niemand wird jemanden umbringen, der über wertvolle Informationen verfügt.

Zeitreisender: Das ist wahr. Nun gut, ich bin bereit, nach draußen zu gehen.

Bibliothekar: Ausgezeichnet!

Der vermeintliche Bibliothekar begleitet den Zeitreisenden nach draußen auf die Straße, hält sich jedoch im Abseits, als der Zeitreisende sehr auffällig sein Handy zückt und laute Worte in das Gerät spricht. Bereits nach einer Minute wird er von zwei Polizisten der AOH angesprochen und auf die Wache mitgenommen.


3. Akt: Im Verhörraum

 Handelnde Personen:  

  • Zeitreisender  
  • Polizistin der AOH  
  • Polizist der AOH  

Der Zeitreisende wird von den zwei Polizisten in einen spartanisch eingerichteten Verhörraum geführt. Die drei nehmen auf einfachen Stühlen an einem kleinen Tisch Platz. Eine junge Polizistin beginnt das Verhör.

Polizistin: Dann legen wir mal los! Also wer sind Sie? Woher kommen Sie? Womit beschäftigen Sie sich?

Zeitreisender: Warum wollen Sie das wissen? Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich bin einfach die Straße langgelaufen und werde festgenommen und verhört. Wieso?

Polizistin (nüchtern): Hier stelle ich die Fragen. Also noch mal, wer sind Sie?

Zeitreisender: Ich bin Iden.

Polizistin: Und Ihr Nachname?

Zeitreisender: Sensator.

Polizistin: Woher kommen Sie?

Zeitreisender: Distrikt 4.

Polizistin: Genaue Adresse?

Zeitreisender: Geusaer Straße 14.

Polizistin: Welche Stadt, welches Land?

Zeitreisender: Merseburg, in Deutschland.

Es übernimmt der Polizist, der ungleich strenger als seine Kollegin spricht.

Polizist: Okay! Womit beschäftigen Sie sich?

Zeitreisender: Ich bin Schüler.

Polizist: An welche Schule gehen Sie?

Zeitreisender: Ans Herder-Gymnasium?

Polizist (plötzlich sehr wach): An das Herder-Gymnasium, sagen Sie?

Zeitreisender: Ja.

Polizist: Sie wissen aber schon, dass es das schon seit über zehn Jahren nicht mehr gibt?

Zeitreisender (mit starrer Mine): Sind Sie sicher?

Polizist (plötzlich aufbrausend): Okay, hören Sie zu! Ich habe keine Ahnung, wer Sie genau sind. Aber Sie wissen, wer ich bin! Wir können das friedlich regeln oder wir lassen die Waffen sprechen! (wieder ruhiger) Also, jetzt mal ganz genau! Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Und was wollen Sie hier?

Zeitreisender: Mit meinem Namen und der Adresse habe ich nicht gelogen. Und auch auf die Schule gehe ich, nur in einer anderen Zeit.

Polizist: In einer anderen Zeit, sagen Sie? Okay, in welcher genau?

Zeitreisender: Ich komme aus der Vergangenheit, aus dem Jahr 2022.

Polizist (verblüfft): Aus dem Jahr 2022? Und wie?

Zeitreisender: Da gab es eine Zeitmaschine und ich durfte als Freiwilliger in die Zukunft reisen. Ich habe mich für diese, Ihre Zeit entschieden, nicht aber damit gerechnet, dass ich in (seufzend) so einer Realität landen würde.

Polizist (schmunzelnd): Ja, Pech gehabt! Aber was war das letzte Ereignis, das Sie damals mitbekommen haben?

Zeitreisender: Nun, der Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Polizist (auf den Tisch pochend): Aha! Was wissen Sie genau über den Krieg vor dem Jahr 0?

Zeitreisender: Nichts. Ich weiß nur, dass er stattgefunden hat, aber nicht, wie er ausging.

Polizist: Okay, hören Sie mal, Sie haben gute Informationen, die wir gebrauchen können. Wir machen einen Deal! Sie arbeiten für uns und erschleichen sich mit Ihren Informationen das Vertrauen einer Sekte. Im Gegenzug lassen wir sie leben.

Zeitreisender: Was für eine Sekte?

Polizist: Eine Sekte, die eine Rebellion plant.

Zeitreisender: Okay, ich mache es!

Der Polizist nötigt den Zeitreisenden zu einem seltsamen Handschlag mit gespreizten Fingern.

Polizist: Okay, abgemacht!


Redaktion: sb