Die Gleichmachermacht

Zeitreise-Bericht der Klasse 10d des Gottfried-Herder-Gymnasiums Merseburg vom 16. bis 17. Mai 2022

Deutschland im Jahr 2045

Wir sind in der Zukunft gelandet, zufällig inmitten einer Bürgerversammlung, an der auch Bärbel-Sophie Otto, die Bundeskanzlerin und Vorsitzende der Deutschen Demokratischen Bürgerpartei (DDBP), teilnimmt.

Die erst 45-jährige Kanzlerin wurde gerade vom Volk in einer Personenwahl für eine zweite Amtszeit auserkoren. Schon zu Beginn ihrer ersten Amtsperiode führte die Kanzlern zur stärkeren Einbindung der Bürgerschaft in allen Kommunen des Landes Bürgerräte ein, die direkten Einfluss auf die Regierungspolitik nehmen können. Auch brachte sie ein Investitionsvolumen von 500 Mrd. Euro zum Aufbau einer Robotik-Infrastruktur auf den Weg, um Jobs im Niedriglohnsektor zu erübrigen. Das Geld förderte zudem einen Aufschwung von KI-Technologien und erneuerbarer Energien.

Weiter zielte ein Gleichstellungsgesetz auf ein einheitliches Bildungsniveau aller Bürger und ihre Tätigkeit in höheren, oftmals ähnlichen Berufen. Alle Volljährigen sind per Arbeitspflichtgesetz zum Arbeiten verpflichtet, bekommen dafür jedoch ein Monatsgehalt von 7.500 Euro brutto, welches vom Staat finanziert wird. Dieser generiert durch eine starke Wirtschaft und Besteuerung der Unternehmen hohe Einnahmen, die auch in bessere Krankenhäuser, Bildung und Kultur fließen. Alle Bürger sind in der gesetzlichen Krankenkasse versichert und erfahren somit die gleiche Behandlung. Menschen, die arbeitsunfähig sind, bekommen einen vollen Lohnausgleich vom Staat.

In der Gesellschaft kursieren kaum Verschwörungstheorien, da die Politik klare und erfolgreiche Schritte praktiziert und ihr Tun transparent kommuniziert, weshalb die Bürger ihr vertrauen. Dennoch gibt es vereinzelt Menschen, die an den gewohnten Wahrheiten, ja an den Grundfesten des Systems zweifeln.



Eine Szene, die sich im Jahre 2045 zugetragen hat…

1. Akt: In einer Schule

 Handelnde Personen:  

  • Lehrer  
  • Saida, Mascha, Maria und Florian –  
  • Schüler der 10. Klasse  

Der Klassenlehrer wertet mit seiner 10. Klasse einer Gemeinschaftsschule die Ergebnisse der Abschlussprüfungen aus.

Lehrer (feierlich): Liebe Schüler, ich teile Ihnen heute die Ergebnisse der digitalen Prüfungen mit. Ja, wie Sie wissen, braucht man eine Eins, um zu bestehen. Wir haben dreimal die Note „Sehr gut“ und einmal die Note „Ausreichend“. Saida hat eine Eins. Sehr schön, bestanden!

Auf Saidas Lernpad erscheint die Punktzahl und ein Bewertungskommentar zu ihrer Prüfung.

Lehrer (zu Saida): Nun, welchen beruflichen Weg werden Sie nach den Ferien einschlagen?

Saida (lächelnd und mit arabischem Akzent): Ich möchte die Universität besuchen und Ärztin werden.

Lehrer: Sehr schön! Alles Gute dafür!

Saida: Danke!

Lehrer: Mascha hat ebenfalls eine Eins. Bestanden!

Mascha blickt stolz auf ihr Lernpad mit den Prüfungsergebnissen.

Lehrer: Was möchten Sie mal werden?

Mascha (mit ukrainischem Akzent): Ich werde auch die Universität besuchen und möchte eine Ingenieurin werden.

Lehrer: Sehr schön, da zielen Sie und Saida ja auf ein ähnliches Berufsniveau! Maria hat ebenso eine Eins. Was möchten Sie zukünftig machen?

Maria (selbstbewusst): Ich werde mal Lehrerin für Künstliche Intelligenz.

Lehrer: Und Sie werden zuvor ebenfalls eine Universität besucht haben.

Maria: Natürlich!

Lehrer: Das ist schön!

Lehrer (nüchtern, aber nicht unfreundlich): Florian, wieder mal nicht richtig gelernt. Eine Vier, durchgefallen. Sie wissen ja, man braucht eine Eins, um weiterzukommen. Sie müssen die Prüfung schon nächste Woche wiederholen. (mit einem Stirnrunzeln) Aber was haben Sie überhaupt für ein Lernpad? Das ist schon einige Monate alt. Ich bringe Ihnen gleich mal ein brandneues von der Schulleitung. Die hat gerade ein neues Technikpaket von der Regierung erhalten.

Florian (etwas träge): Kann ich nicht einfach von der Schule abgehen?

Lehrer: Nein, Sie müssen die Prüfung solange wiederholen, bis Sie mit Eins bestanden haben. Das schreibt das Arbeitspflichtgesetz vor. Alle müssen den gleichen Schulabschluss vorweisen können, dann die Universität besuchen und schließlich einen hohen Beruf ausüben.

Florian (seufzend): Ok!

Es klingelt und die Schüler drängen nach draußen, um sich in der Schulcafeteria zur Feier des Tages von Robotern bedienen und mit allerlei Smartfood verwöhnen zu lassen.


2. Akt: In einem Bürgerrat

 Handelnde Personen:  

  • Kanzlerin Bärbel-Sophie Otto  
  • Leiterin des Bürgerrats  
  • Wutbürger  
  • Wohlgesonnener Bürger  
  • Weitere Bürger  
  • Journalist  

Die gerade in ihrem Amt bestätigte Bundeskanzlerin Bärbel-Sophie Otto besucht den Bürgerrat ihres Wahlkreises. Die Bürger sitzen mit der Kanzlerin in einer lockeren Gesprächsrunde bei Kaffee und Kuchen.

Kanzlerin: Liebe Leute, ich bedanke mich herzlich bei euch für die Wiederwahl und für die neu dazugekommenen Wähler! Und ich freue mich, hier sein zu dürfen!

Leiterin des Bürgerrats: Wir haben uns heute versammelt, um über ein noch weiter reichendes Gleichstellungsgesetz zu entscheiden. Wer ist für die neue Gesetzesvorlage?

Alle stimmen auf ihren Smartphones dafür, mit Ausnahme eines jungen Mannes, der plötzlich aufsteht und in die Runde schreit.

Wutbürger: Lügenpresse, Lügenpresse! Alles Unsinn, was die (mit hasserfülltem Blick auf die Ratsleiterin) von Gleichstellung labert! Ihr seid doch alle hier von der Regierung geleitet und das einfache Fußvolk muss wieder leiden! (zu einem anwesenden Journalisten mit einer womöglich in sein Basecap integrierten, ultrakleinen Kamera) Sag mal, filmst du mich? (ihm die Mütze vom Kopf schlagend) Pack das Ding weg!

Wohlgesonnener Bürger: Na, wie kommen Sie denn darauf, dass alles gelogen ist?

Wutbürger: Na, das weiß man doch! Das liest man doch überall!

Wohlgesonnener Bürger (versucht ruhig): Jetzt sagen Sie bloß nicht noch, die Otto (die Kanzlerin) frisst kleine Kinder oder so was!

Wutbürger (kurz stutzend): Nee, das nicht! Aber, äh die und die anderen pflanzen Chips in unsere Gehirne…

Kanzlerin (bemüht freundlich): Aber junger Mann, woher der Frust? Sie haben doch einen sicheren Arbeitsplatz!

Wutbürger: Hab ich nicht. (abfällig) Sehe ich aus, als würde ich arbeiten gehen? Ich bekomm gar kein Geld. 7.500 Euro, das reicht doch nicht!

Wohlgesonnener Bürger: Na ja, Sie können sich ja hier im Bürgerrat engagieren, auch für einen höheren Standardlohn oder weniger Abgaben.

Wutbürger (aufgebracht): Ich engagiere mich doch schon für diesen Scheiß! (erneut zum Journalisten, der seine Mütze wieder aufgesetzt hat) Zum letzten Mal, pack endlich das scheiß Ding weg!

Der verängstigte Journalist nimmt sein Basecap ab und steckt es in seinen Rucksack.

Ratsleiterin (die sich etwas hilflos wirkend einschaltet): Aber zumindest eine gute Gesundheitsversorgung genießen Sie doch!

Wutbürger (noch aggressiver): Ich bin gar nicht gesund! Und das ganze Gesundheitssystem ist scheiße!

Wohlgesonnener Bürger: Ja das haben Sie sicher aus der Bild. Auch deren neue 3D-Seite macht die angeblichen Wahrheiten nicht besser!

Wutbürger: Scheiß auf die Bild! (sich erhebend und nach draußen drängend) Sinnlos, mit euch kann man eh nicht richtig diskutieren. Ihr spinnt doch alle!

Die Bürgerrunde inklusive der Kanzlerin bleibt etwas ratlos zurück.


3. Akt: In der Psychiatrie

 Handelnde Personen:  

  • Mutter  
  • Sohn  
  • Psychiater  
  • Zwei Roboter  

Eine sichtlich gestresste Mutter begleitet ihren volljährigen Sohn, jenen Wutbürger von der Bürgerversammlung, der nun an auffälligen Verhaltensstörungen leidet, in die Psychiatrie. Sie werden in einem Behandlungszimmer vom Klinikchef persönlich empfangen.

Psychiater: Bitte setzen Sie sich! (Mutter und Sohn nehmen Platz.) Ich freue mich, Sie hier in unserer psychiatrischen Klinik begrüßen zu dürfen. Es ist gut, dass Sie Ihren Sohn bei uns einweisen.

Mutter (plötzlich erleichtert): Ja!

Psychiater: Nun, ich bräuchte erst mal eine kleine digitale Unterschrift. Ja die kleinen Formalien, Sie wissen schon…

Mutter: Gern!

Die Mutter streicht, während ihr Sohn scheinbar teilnahmslos daneben sitzt, mit dem rechten Daumen über einen Fingerabdrucksensor im Tisch des Klinikchefs.

Psychiater: Wie wir wissen, ist Ihr Sohn verhaltensauffällig und arbeitsunfähig. Aber keine Sorge! Der Staat übernimmt für ihn den vollen Lohnausgleich von 7.500 Euro im Monat. Er ist natürlich auch in der gesetzlichen Krankenversicherung, wie alle. Das heißt, er genießt die gleichen Dienstleistungen und lebenserhaltenden Maßnahmen wie alle anderen Bürger in unserem Lande. Mit Ihrem Einverständnis würde ich jetzt meine beiden Roboterkollegen dazu veranlassen, Ihren Sohn ins Krankenzimmer zu begleiten.

Zwei Roboter (wie der Arzt in weißen Kitteln) treten ein, fassen den Sohn bei den Oberarmen und führen ihn, nachdem die Mutter ihm zum Abschied kurz auf die Schulter geklopft hat, in ein Krankenzimmer. Dort beginnt der Patient plötzlich an zu lallen und wild um sich und schließlich auch auf die Roboter einzuschlagen. Den Robotern gelingt es nicht, den wild Gewordenen unter Kontrolle zu bringen. Der Patient läuft zurück ins Behandlungszimmer, wo sich der Klinikchef gerade seinen digitalen Krankenakten gewidmet hat.

Psychiater (routiniert): Ok, wir brauchen eine Betäubungsspritze!

Der Arzt zieht einen E-Injektor aus einer seiner vielen Kitteltaschen und richtet eine Art Lichtpunkt auf die Schläfe des Patienten. Dieser sackt augenblicklich in sich zusammen.

Psychiater (zu den Robotern): So, nun schaffen Sie ihn zurück ins Krankenzimmer!

Die Roboter fassen den Bewusstlosen bei den Achseln und Füßen und hieven ihn, in Begleitung des Arztes, auf eine Liege im Krankenzimmer.

Psychiater (zum 1. Roboter): Halten Sie seinen Oberkörper hoch! Und (zum 2. Roboter) Sie, legen ihm die Zwangsjacke an!

Die beiden Roboter kämpfen ein wenig ungeschickt mit der Jacke, während der Patient leise und undeutliche Worte faselt.

Sohn: Liebe Mitbürg… in Wahr… regiert…

Psychiater (mit ernstem Blick): Er halluziniert und leidet an einer gespalteten Persönlichkeit!

Plötzlich fängt der Patient zu zucken an.

Psychiater (zu den Robotern): Beeilen Sie sich mit der Jacke! Die Spritze wirkt nicht lange.

Der Patient erwacht mit einem apathischen Lächeln, so als wäre ihm alles schon gleich.


Redaktion: sb