Der Gleichheitszwang

Zeitreise-Bericht der Klasse 9d an den CJD Christophorusschulen Droyßig vom 4. bis 5. Oktober 2021

Deutschland im Jahr 2040

Alle Bürger sind zumindest dem Gesetz nach gleichberechtigt. So steht ihnen, solange sie arbeiten, das gleiche Grundeinkommen zu, welches zwar zum Leben reicht, aber auch keine großen Sprünge erlaubt. Bedingung für dieses staatlich ausgezahlte Einkommen ist jedoch ein bestimmter Mindestumfang an geleisteter Arbeit. Die Art der Arbeitstätigkeit ist dagegen nicht von Belang. Arbeits- und Obdachlosen wird das Grundeinkommen gekürzt. Sie werden vom Staat angehalten, sich eine Wohnung und Arbeit zu suchen, nicht selten auch mit Gewalt. Das Sozialsystem ist demnach nicht unbedingt besser als noch vor 20 Jahren.

Es gibt keine Autos mehr, sondern Schnellspurbahnen, die nicht nur in den Städten, sondern im wahrsten Sinne auch über Land fahren, auf einer Hochbahntrasse. Allerdings werden diese Züge mit rückschrittlichen E-Motoren wie bereits vor Jahrzehnten betrieben. Überhaupt spielen Umwelt- und Klimaschutz eine nicht so große Rolle, wie sie es angesichts der sich weiter verschärfenden Klimakrise eigentlich müssten.

Wählen darf man bereits ab 16 Jahren. Die Wahlen werden digital durchgeführt, über Smartphones. Offensichtlich hält sich der technische Fortschritt, verglichen mit dem Jahr 2021, in Grenzen. Das dürfte ein Grund dafür sein, dass nicht wenige Bürger trotz mancher Verbesserung unzufrieden mir ihrem Alltag und der Politik sind. Auch erinnern sich viele wehmütig an ihre Freiheit, die ihnen der Besitz und die Nutzung eines eigenen Autos einst bot.

Wesentlicher aber für die Unzufriedenheit unter den Bürgern ist der Mangel an Zuverdienstmöglichkeiten jenseits des Grundeinkommens. Das beklagen vor allem die ehemals Reichen, jedoch auch viele von denen, die durch das Grundeinkommen zwar nicht mehr Geringverdiener sind, aber auch nicht mehr weiter finanziell und sozial aufsteigen können. Und nicht zuletzt wächst der Unmut der Bevölkerung, weil viele Rechte und Gesetze nur auf dem Papier bestehen und oft nicht umgesetzt, ja sogar von den Staatsorganen mit Gewalt verletzt werden. Trotz dieser Umstände und einiger Proteste beherzter Bürger hat es nicht den Anschein, dass die Politik, die sich auf dem Erreichten ausruht, daran etwas ändern will.



Eine Szene, die sich im Jahre 2040 zugetragen hat…

1. Akt: In einem Wohnhaus

 Handelnde Personen:  

  • zwei Polizisten  
  • Bewohner  
  • Nachbar  

In einem Hochhaus, in dem sehr viele Bürger in kleinen und einfach ausgestatteten Wohnungen leben, führt die Polizei eine Hausdurchsuchung durch. Der erste Polizist klingelt mehrfach an der Tür eines Bewohners. Als dieser nicht aufmacht, greift er zu einem Megaphon.

1. Polizist: Sofort aufmachen! Sie sind mit ihrer Miete im Rückstand und gehen keiner Arbeit nach.

Der Bewohner zeigt keine Reaktion.

2. Polizist (aggressiv): Ein letztes Mal: Machen Sie sofort auf oder wir brechen die Tür ein!

Als der Bewohner abermals keine Reaktion zeigt, brechen die Polizisten mit vereinten Kräften die Tür auf. Sie finden den gesuchten Mann auf der Toilette, wo er sich ängstlich versteckt hat. Sie schlagen auf ihn ein ­– der erste Polizist ein wenig verhaltener, der zweite dafür umso brutaler – und führen ihn nach draußen.

Bewohner (sich im Griff der Polizisten windend und schreiend): Ich will mehr Rechte haben! Nein, meine Rechte wie alle! Was soll diese Polizeigewalt!

Vom Lärm im Treppenhaus alarmiert, tritt der Nachbar aus der gegenüberliegenden Wohnung, aus der laute Schlagermusik schallt.

Nachbar (rufend): Mein Freund, was machen die mit dir?

Die Polizisten lassen sich nicht beirren und gehen zügig mit dem Festgenommenen nach draußen auf die Straße. Der Nachbar folgt ihnen…


2. Akt: Auf der Straße

 Handelnde Personen:  

  • zwei Polizisten  
  • Bewohner  
  • Nachbar  

Die Polizisten eilen zu ihrem Dienstwagen und pressen den schluchzenden Festgenommenen, dem sie nun Handschellen angelegt haben, auf den Rücksitz des Autos. In diesem Moment stellt sie der nachgekommene Nachbar zur Rede.

Nachbar (mutig): Ich hab gerade gesehen, mit welcher Brachialgewalt Sie meinen Nachbarn aus seiner Wohnung geholt haben. Ich möchte mich darüber beschweren. Und ich überlege, Ihr Verhalten anzuzeigen!

2. Polizist (grob): Na das ist ein fauler Penner!

Nachbar (pikiert): Und was hat das damit zu tun?

1. Polizist (streng): Der muss arbeiten und Miete zahlen!

Nachbar (besonnen): Freilich, aber er hat genau die gleichen Rechte wie wir alle – auch dass Sie ihn ordentlich behandeln!

2. Polizist (langsam ungeduldig): Ja, aber der hat nicht so viel Geld. Ganz einfach!

Nachbar (entschlossen): Hier, werdet glücklich!

Er steckt dem zweiten Polizisten einen Geldschein zu, der ihn sogleich in seiner Jackentasche verschwinden lässt. Als der erste Polizist das sieht, beginnt er zu intervenieren.

1. Polizist (zum 2.): Nee, lass mal! Das ist wirklich nicht rechtens. Da kann man uns erst recht anzeigen.

Die Polizisten entfernen sich ein Stück, um zu diskutieren. Nach etwa fünf Minuten kommen sie zurück zum Auto.


3. Akt: Am Polizeiauto

 Handelnde Personen:  

  • zwei Polizisten  
  • Bewohner  
  • Nachbar  

Der erste Polizist hilft plötzlich dem Festgenommenen wieder aus dem Auto. Der zweite steht ein wenig missmutig daneben, nimmt dem Festgesetzten dann aber die Handschellen ab.

1. Polizist (bemüht freundlich; zum wieder freien Bewohner): Wir entschuldigen uns bei Ihnen im Namen des Staates. Es tut uns leid, dass wir so brutal waren und Sie festgenommen haben.

2. Polizist (nüchtern; zum Nachbarn): Hier! (gibt ihm den Geldschein zurück) Los, nehmen Sie Ihren Freund und sehen Sie zu, dass Sie wieder nach Hause kommen!

Der Nachbar und der erste Polizist stützen den immer noch jammernden, angeschlagenen Bewohner auf dem Weg zur Haustür und zurück in seine Wohnung, während der zweite Polizist am Auto wartet und sich eine Zigarette anzündet.


Redaktion: sb